Jetzt ist es nicht mehr nur der Spiegel, sondern auch die Zeit1, die Streit sucht. Attackierte der Spiegel mit seinen vieldiskutierten Beta-Bloggern vor allem die deutsche Blogosphäre, bläst Josef Joffe in der Zeit zum Generalangriff auf “parasitäre Aufmerksamkeits-Ökonomie” und “Bürger-Reporter”. Und er hat ja sogar recht, wenn er schreibt, dass Blogs (allermindestens in ihrer heutigen Form, ziemlich sicher auch in 20 Jahren2 )den klassischen Journalismus nicht werden ersetzen können. Wie auch ohne bezahlte, professionelle Journalisten? Er hat ja auch recht, dass viele Nachrichten, die in Blogs gepostet und verbreitet werden letztlich nur der Verweis auf eine übergeordnete, der vierten Gewalt angegliederten Nachrichtenquelle sind3.
Doch muss man sich die Frage stellen, ob in dieser Situation ein derartig verkrampfter Umgang mit dem noch relativ neuen Medium Weblog vonnöten ist. Gerät Joffe hier nicht nur in Panik, weil er als inzwischen gealterter und zunehmend konservativer Mensch seine Felle davonschwimmen sieht. Um jährlich 2,5% gingen die Auflagen von Tageszeitungen in den USA zurück, schreibt er, in Deutschland sei es 2007 ein Minus von 2,2% gewesen. Blitzgescheit rechnet er aus, dass bei einem jährlichen Minus von 2,5% die letzten Zeitungen in 40 Jahren gedruckt würden4 Ist es also vielmehr die Angst vor dem Ende von Printmedien, die ihn antreibt? Dass jenen eine harte Zeit bevorsteht und sie ePaper und Bildschirmen weichen müssen, scheint nur eine Frage der Zeit zu sein.
Doch genauso sicher bin zumindest ich mir, dass auch in einer Mediengesellschaft der Aufmerksamkeits-Ökonomie und Hyperlinks, der professionelle Journalismus seinen Platz haben wird. Lediglich der öffentliche Diskurs wird dezentraler ablaufen, aufs Web verteilt. Zeitungen können hiervon, wenn sie denn bereit sind sich darauf einzulassen, sogar profitieren. Es gibt also keinen Grund sich zu fürchten, dass Blogs in Zukunft werden erzählen können, was sie wollen und der Leser es komme was wolle schlucken muss5. Doch er wird eben auch nicht mehr die Meinungen und Bilder des Presseadels fressen müssen, sondern kann sich ein umfassenderes Bild aus verschiedenen Blickwinkeln machen – SpiegelKritik und BildBlog lassen grüßen.
- bislang ist der Artikel leider noch nicht online, also gibts vorläufig auch keine Bezahlung in Aufmerksamkeitsdollarn, schade eigentlich [↩]
- so denn das Wirtschaftssystem dann noch steht [↩]
- die Klostermelissen-Affäre sei hier als prominentes Gegenbeispiel erwähnt, auch die Zeit hat sich ja damals™ miteingeklinkt, und Aufmerksamkeitsdollar gesammelt [↩]
- Ein kurzer Griff zum Taschenrechner hätte ihm allerdings gezeigt, dass erst nach etwa 90 Jahren ein Rückgang der Auflagen auf 10% des heutigen Niveaus erreicht wäre, nach 40 Jahren wären es immerhin noch knapp 40%. Doch das ist spitzfindig und gehört daher nur in diese Fußnote. [↩]
- Joffe zitiert hier den ‘Medienexperten’ Andrew Keen: “Derweil das traditionelle Zeitungsgewerbe wegschmilzt, drohen die Medien zum surrealen Kettenbrief digitaler Illusion und Täuschungen zu werden, wo die Fakten durch Meinungen und die professionellen Nachrichtensammler von durchgeknallten Kommentatoren ersetzt werden.” [↩]
Comments (4)
Meinungsfreiheit ist demnach nicht mehr nur das Recht des Mannes mit der Druckpresse
. Ein starkes Argument für
die Beständigkeit der Zeitungen etc. ist doch letztlich die dpa, welcher Blog bezieht schon live die aktuellsten Informationen, wertet diese aus und hat den Sachverstand über weite Themen hinweg diese Informationen in den korrekten Zusammenhang zu setzen ? Ich denke es gibt keinen solchen Blog, vielmehr sind Blogs in meinen Augen das Medium des kleinen Mannes, der seine eigenen Informationen verbreitet oder auch nur die gesammelten Informationen in einen neuen Zusammenhang stellt. Ich denke durch Blogs kann die Gesellschaft erstmalig in der Geschichte von sich selbst lernen und ist nicht mehr auf die Meinung der Experten alleine angewiesen. Was im Angesicht der überheblichen Selbstbezeichung als “4. Gewalt” auch Not tut.
Das scheint mir wieder nur die alte Angst vor dem Ende eines Mediums im Angesicht eines Anderen zu sein. Die vollkommen irrational ist. Webblogs haben längst ihren Platz in der Medienwirklichkeit gefunden und decken einen ganz speziellen Bereich der Information ab. Sie werden keines der anderen Medien ersetzten, sondern sie ergänzen. So geschehen auch mit Büchern, Radio und Fernsehen.
Das Schlimme ist, dass du diesen Mist auch noch kaufst (und liest).
- irgendwas wollte ich hier mal wieder kommentieren
Naja. Die Zeit ist ja immerhin ein Qualitätsblatt und auch J. Joffe schreibt normalerweise kein so dummes Zeug.
Und nur weil einzelne Artikel mir nicht passen muss ich ja nicht die ganze Zeitung verdammen. Meinungsfreiheit und so… .
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