Christian Schwochows melodramatisches Spielfilmdebüt Novemberkind (2008) ist eine lange, verregnete Odyssee. Von den blühenden Landschaften Mecklenburg-Vorpommerns führt sie Figuren und Zuschauer bis ans andere Ende Deutschlands, ins baden-württembergische Konstanz. Die Bilder sind düster, kalt, novemberhaft und strahlen damit eine völlig hoffnungslose Liebe aus.

Bild: © 2008 schwarz weiß filmverleih
Inga (Anna Maria Mühe) lebt in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Sie ist Anfang 20, arbeitet in der kleinen, aber gut bestückten Dorfbibliothek und könnte dort womöglich “glücklich 100 werden”. Sie hat Freunde, ein Motorrad – mit dem sie aber einfach noch nicht weit genug weggekommen ist – und ihre Großeltern, bei denen sie aufgewachsen ist. Eines Tages tritt Robert (Ulrich Matthes) in Ihr Leben: Ende 40, Anfang 50 und Professor für Creative Writing (”Mit sowas kann man Professor werden?”). Kurzum ein etwas merkwürdiger Kauz aber auf seine Art ein netter Mensch. Er eröffnet ihr, dass er ihre Mutter einmal gekannt habe und, dass sie wohl noch, irgendwo am anderen Ende der Republik, leben müsse. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach ihr.
Der Film handelt von Lügen. Nicht von Selbstbetrug oder kleinen Heucheleien, sondern von großen Lügengebäuden, die vor einem Menschen aufgetürmt werden und zu so abenteuerlichem Umfang anwachsen, dass sie irgendwann einfach zusammenbrechen müssen. Mit großer Akribie legt der Film – fast wie zur Illustration solcher ineinander verschlungenen Lügen und Illusionen – verschiedene Konflikt-Schichten übereinander und verbindet sie zu einem großen Ganzen.
Auch betont er immer wieder, dass die ganze Geschichte, die er erzählt, doch auch nur Illusion sei. Nicht 24 mal Wahrheit in der Sekunde, sondern bloße Lüge und Vortäuschung. Speziell Robert, der immer wieder heimlich den Fortgang der Geschichte kommentierend in ein Diktiergerät spricht, wirkt hier illusionsstörend.
Doch hinter all diesen Lügen liegt noch etwas anderes: Eine junge Frau, die, beim Versuch die Geschichte ihrer eigenen Herkunft zu rekonstruieren, ein ums andere mal buchstäblich ent·täuscht wird und so ihrer bloßen Identität, die irgendwo in der ostdeutschen Provinz nie richtig erblühen konnte, ein Stückchen näher kommt.
Und noch dazu handelt der Film vom geteilten und dann geeinten Deutschland. Die Aufnahmen von Mecklenburg-Vorpommern, von Seen und verregneten Wiesen, von schlecht gedämmten Häusern und alten Briefkästen, sind so traurig wie schön. Drücken Liebe aus zu einem Land, das im Sterben liegt. Der Osten wird hier nicht so skurril und bunt gezeigt, wie man ihn aus Sonnenallee (1999) oder Goodbye Lenin (2003) kennt1, sondern als traurig-verregnetes, melancholisch-schönes Land, in dem gelitten, geliebt und vor allem gelebt wurde.
Alles in allem ein sehenswerter Film. Sicherlich kein ganz großer Wurf, aber doch immerhin so schön, kitschig, traurig, dass er zu Herzen geht und in einigen Momenten tief zu berühren weiß. Dazu kommen die ruppige, wenig kompromissbereite Inszenierung, die vielseitig und hervorragend spielende Hauptdarstellerin Anna Maria Mühe und die oben erwähnte, kunstvolle Verbindung mehrer Konflikte.
Novemberkind, Regie: Christian Schwochow, 2008
Trailer zum Film:
- eine Beschreibung die so alleine selbstverständlich keinem der beiden Filmen endgültig gerecht wird und die ich hier nur des Kontrastes wegen verwende [↩]