Was bleibt vom Buch? – Teil 1: Der Wert von Information

Nicht erst seit “der kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger”1 vorige Woche angekündigt hat, die Schüler seines Bundesstaates mit eBook-Readern auszustatten und so schrittweise die herkömmlichen Schulbücher ersetzen zu wollen; Nicht erst seit Google die Bibliotheken der Welt einzuscannen begonnen hat, stellt sich die Frage nach der Zukunft des gedruckten Buches.

Was bleibt vom Buch?Vielmehr keimt die Frage bereits seit der Frühzeit des Publikums-Internets und den ersten Ausgaben von Microsofts Multimedia-Lexikon Encarta. Damals, Mitte der 90er, war das Internet immerhin noch viel stärker als heute ein fast klassisches Textmedium. Natürlich wurde dieser Text von Anfang an mit multimedialem Einschlag und den unerhörten Vorzügen des Hypertexts ausgestattet. Doch zunächst waren dies schlicht Erweiterungen des gedruckten Textes um elektronische Extras.

Das gleiche galt für Microsofts Encarta: Eine umfassenden Enzyklopädie vom Stile einer Britannica oder eines Brockhauses. Von der ungeheuren Last der Druckkosten befreit und den Möglichkeiten der daraus folgenden Massenproduktion befeuert, ermöglichte sie, was bis dahin unmöglich schien: Eine vollständige Enzyklopädie zum Preis von Zwei- bis Dreihundert Mark zu verkaufen, die noch dazu per Internet oder jährlichem Upgrade zu relativ geringen Kosten auf dem aktuellsten Stand gehalten werden konnte. Auch für sie galt, was ich oben vom Internet der 90er Jahre geschrieben habe, sie bildete ein gedrucktes Medium (das klassische Lexikon) ab und ergänzte es lediglich um einige neue Funktionen.

Inzwischen, zehn bis 15 Jahre später, ist der digitale Internettext in vielen Fällen zum Referenzmedium geworden. Deutlich illustrieren lässt sich das zB. anhand der Nachrichtenmedien. Die ersten Internetauftritte von Tageszeitungen etwa waren in der Regel nur eine digitale Kopie der gedruckten Ausgaben. Heute dagegen werden Printmedien mehr und mehr zu ausgedruckten, bequem lesbaren Varianten von Internetseiten. Dieser Entwicklung trägt etwa die Neuausrichtung des Freitags Rechnung, der seit einigen Monaten versucht Internet- und Printausgabe miteinander zu verzahnen.2 – Zwar wehren sich gegen solche Entwicklungen noch immer viele Tageszeitungen, betonen die Exklusivität ihrer Inhalte und die Qualität, die der klassische Redaktionsprozess im Gegensatz zu schnell veröffentlichten Onlineartikeln garantiere, doch all das ändert nichts daran, dass inzwischen nichts mehr so alt ist wie die Zeitung vom heutigen Tag.

Noch viel stärker ist von solchen Entwicklungen das, ja oben bereits angesprochene, Gewerbe derer betroffen, die mit dem Verkauf von Lexika ihr Geld verdienen. Zu stark ist mittlerweile die Konkurrenz durch die Wikipedia und das Rest-Internet. Die bislang – und womöglich endgültig – letzte Auflage des Brockhaus’ etwa verursacht Millionenverluste. Auch die Encarta ist aus ökonomischer Sicht nicht länger tragbar.

Der Wertverlust, den Informationen in unserer volldigitalisierten Gesellschaft erfahren, ist mittlerweile also gerade da, wo reine Information vermarktet wird (Zeitungen und Lexika) zu einer existenzbedrohenden Gefahr geworden3: Natürlich ist es auch heute noch schick sich eine Encyclopædia Britannica ins Regal zu stellen und auf jeden Fall ist das Rascheln von Zeitungspapier charmanter als das Rauschen eines Computerlüfters, aber weder hat Meyers Konvesationslexikon heute noch den Informationsgehalt und die Aktualität einer Wikipedia zu bieten, noch kann eine Tageszeitung das Tagesgeschehen so schnell abbilden, wie Twitter oder den selben Raum für Dispute bieten, wie die praktisch unbegrenzt große Blogosphäre.

Der zweite Teil dieser Artikelserie findet sich hier.

  1. Das ist ja auch so eine Phrase, die man eigentlich selbst nie schreiben wollte. []
  2. Ich bin mir natürlich darüber im Klaren, dass der Freitag nur eine relativ kleine Zeitung ist und es dementsprechend gewagt ist eine hier stattfindende Entwicklung zu verallgemeinern. []
  3. Übrigens auch der Grund für die Probleme von Musik- und Filmwirtschaft. []