Was bleibt vom Buch? – Teil 2: Die Auflösung des Materiellen

Dieser Eintrag ist Teil einer Artikelserie »Was bleibt vom Buch?«. Der erste Teil »Der Wert von Information« findet sich hier.

Seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts befinden wir uns im Wandel von einer Industrie- zu einer Informationsgesellschaft. So zumindest die gängige Meinung. In dieser Informationsgesellschaft lösen sich die Menschen zunehmend von (industriell gefertigten) materiellen Gütern, greifen nur noch im Bedarfsfall auf sie zu1 und virtualisieren, was immer möglich ist.Musik etwa ist im Laufe des 20. Jahrhunderts immer weiter eingedampft und in ihrer physischen Form in unglaublichem Ausmaß reduziert worden. Von der Schallplatte über die CD bis hin zum MP3-Player mit 180 Gigabyte Speichervolumen und mehr. Doch weshalb sollte man an so einer Stelle Halt machen, wo doch die Möglichkeit praktisch unbegrenzten Speicher zur Verfügung zu stellen zum Greifen nah ist. Um beim Beispiel Musik zu bleiben: Dienste wie Spotify, Napster2 oder Nokias Comes with Music, die gegen feste Beträge Abos anbieten mit denen beliebig viel Musik aus einem möglichst großen Katalog angehört werden kann, stehen3 für ein neues (oder vielleicht gar nicht so neues) Verständnis von Musik: Nicht das Trägermedium oder die Sammlung die aus vielen davon entstehen kann, sondern vielmehr das musikalische Erlebnis selbst steht im Vordergrund, wenn man im Informationszeitalter Musik »kauft« und »konsumiert«. Der bislang konsequenteste Ansatz scheint es da zu sein, die Musik als Teil des Netzanschluss’ anzubieten.

Bei Filmen oder Musik, die viel weniger als Bücher mit ihren jeweiligen Trägermedien ein gemeinsames Ganzes bilden, entwickelt der Prozess der Entmaterialisierung sich bereits rasant. Doch in beiden Bereichen werden wir während der Wahrnehmung des, wie auch immer gespeicherten, Werkes nicht mit dem Datenträger konfrontiert. Beim Lesen eines Buches dagegen, halten wir diesen »Datenträger« in der Hand, blättern darin vor und zurück, erleben das »Auslesen« der Informationen als physischen Akt: Wir benötigen kein zusätzliches Abspielgerät, um zu verstehen, was in einem Buch steht.

Auf der anderen Seite aber ist es kein Geheimnis, dass nur besonders bibliophile Zeitgenossen das Buch als physisches Objekt tatsächlich über seinen Inhalt stellen würden: Zu austauschbar sind inzwischen die teuer-gebundene Erstausgabe eines Buches und das Softcover-Mängelexemplar, das ein halbes Jahr später bei Zweitausendeins, Jokers und den Restsellerfilialen der großen Buchhandelsketten verramscht wird.

Wie ich bereits im ersten Teil dieser Artikelreihe geschildert habe, hat sich das bereits Mitte der 90er-Jahre mit Microsofts Encarta bzw. zu Beginn diesen Jahrzehnts mit der Wikipedia angekündigt. Gedruckte Lexika sind der Inbegriff von starrer, unbeweglicher Information, die in einen teuren und edlen Umschlag gebunden wird. Auch wissenschaftliche Aufsätze werden heute bereits in erster Linie digital publiziert und wohl zu nicht geringen Teilen auch so gelesen. Hier handelt es sich ebenfalls, wie bei Lexika oder Tageszeitungen, um Textmaterial, bei dem die Trennung von Form und Inhalt besonders leicht fällt: Immerhin ist der fotomechanische Kopierer im akademischen Alltag nicht erst seit gestern als probates Hilfsmittel beim Bibliographieren anerkannt.

Es scheint also nur eine Frage der Zeit zu sein, wann auch belletristische Literatur den Weg aller Medien ins Internet antreten und sich auch hier die endgültige Trennung von Form und Inhalt vollziehen wird.

  1. Dazu passt zum Beispiel diese noch junge Meldung, nach der in Italien ein zunehmender Trend weg vom Besitz hin zum Mieten festzustellen ist. [via] []
  2. das neue meine ich, nicht das echte []
  3. genauso wie Tauschbörsen übrigens []

Comment (1)

  1. Ariakan wrote::

    Hier ein Zitat “So umschließt das Eisenbahnjahrhundert die Lebensform zwischen den Zeiten, zwischen der des sesshaften Ackerbürgers zu Beginn des 19. Jahrhunderts, und der des vom Auto beherrschten Vaganten der Gegenwart. Der Begriff Reise wurde durch die Eisenbahn zum Allgemeingut. Vorher haftete dieser Vokabel etwas Schreckliches, etwas Furchterregendes an. Es war die Scheu vor der Ferne, vor den Strapazen, vor der Ungewissheit, in die solch eine Reise führte. Die Eisenbahn nahm diesem Wort seine Schrecken, nachdem die Angst vor dem Neuen überwunden war. Ja, sie machte die Reise erst für breite Schichten des Volkes erschwinglich.” Quelle: http://schorch.ch/bahn/texte/07_1.htm

    Die Angst vor dem Neuen, die Angst etwas Altes zu verlieren. In einer Welt die sich so schnell entwickelt wie die unsrige, scheint diese Angst es zu sein, welche Netzsperrer, Bibliophile und andere antreibt den Fortschritt zu kritisieren.

    Freitag, Juni 19, 2009 at 09:56 #